"Wenn ich nur mehr Zeit zum Traden hätte..."

Gerade als Anfänger versucht man gerne einen Zusammenhang herzustellen zwischen Tradinggewinnen und der Zeit, die man zum Trading zur Verfügung hat. „Wenn ich nur mehr Zeit zum Traden hätte, …“ sind die immer wieder gehörte Aussage.

Aber was wäre dann?? Ist es wirklich so, dass man mehr aus den Märkten rausholen kann, wenn ich den ganzen Tag vorm Rechner sitze und die Kurse beobachte? Oder kann es nicht auch sein, dass ich dann auch mehr Zeit habe, Geld an den Märkten zu verlieren?
Dieser Frage wollen wir heute mal etwas auf den Grund gehen und die Vor- und Nachteile des Daytradings bzw. End-of-Day-Tradings (kurz EDO, Trading auf Tagesschlusskursbasis) näher beleuchten.

Der Faktor Zeit!

Bevor wir uns die nackten Statistik-Zahlen zweier Systeme anschauen, zunächst ein paar Punkte, die gerne mal beim Blick auf die reine Performance verdrängt werden.
Ganz weit vorne ist der Faktor Zeit! Zeit ist extrem kostbar, allerdings in der Regel immer zu knapp. Ein Daytrader verbringt normalerweise mehrere Stunden am Tag vor seinem Bildschirm, beobachtet die Märkte, um dann im richtigen Augenblick zuzuschlagen. Extreme Konzentration, aber auch viel Geduld und Gelassenheit sind hier gefragt. Klar kann er durch diese Nähe zum Markt viele Signale am Tag nutzen und auch kleinste Marktbewegungen mitnehmen. Wenn er richtig gut ist, bleibt am Ende des Tages ein kleiner Profit übrig, was aber keinesfalls immer so sein muss. Der Preis, den er allerdings dafür zahlt ist seine Zeit. Seine Handelsplattform zu verlassen oder unkonzentriert zu sein, kann bedeuten, dass man die entscheidende Bewegung des Tages verpasst und damit den Tag im Minus beendet. Des Weiteren sollte bedacht werden, dass Signale üblicherweise immer unbedeutender werden, je niedriger die Zeiteinheit ist. Und somit besteht nicht nur die Chance auf mehr Gewinn, sondern vor allem auch die Gefahr durch Fehltrades mehr Geld zu verlieren!

Wie sieht's mit Stress aus??

Keinesfalls zu unterschätzen ist der psychische Stress, den man während eines Trades erlebt. Egal, ob der laufende Trade im Gewinn oder im Verlust ist, eine erhöhte Anspannung ist unbestreitbar. Jeder, der bereits schon mal mit realem Geld einen Trade eingegangen ist und konzentriert dem Zappeln des Kurses gefolgt ist, wird dies bestätigen können. Wirklich gut fühlt man sich dabei selten. Die Verletzung seiner Tradingregeln ist oft nur eine Frage der Zeit. Nur durch sehr viel Übung kann man es schaffen eine gewisse Routine und Gelassenheit in sein Handeln zu bekommen. Und der Daytrader muss diese Gelassenheit irgendwann bekommen, sonst wird er das permanente Beobachten und Handeln der Märkte finanziell, aber auch psychisch nicht lange durchhalten.

Die Tradinggebühren!

Ein weiterer wichtiger Punkt sind die anfallenden Tradinggebühren. Da der Daytrader oftmals mehrere Trades am Tag durchführt, sind seine Tradinggebühren auch entsprechend hoch. Vor allem bei kleinen Kontogrößen ist dieser Punkt nicht zu unterschätzen. Was passiert, wenn man sie doch aus den Augen verliert, könnt ihr in diesem Artikel nachlesen.

Wir halten bis hierhin fest:
(1) Daytrader opfern ihre kostbare Zeit, um möglichst lange und dicht am Marktgeschehen zu sein.
(2) Daytrader sind durch die Marktnähe oftmals einer stärkeren psychischen Belastung ausgesetzt.
(3) Daytrader haben durch eine hohe Tradingfrequenz mit höheren Kosten zu kämpfen.

Und wie sieht’s beim End-of-Day-Trader aus?

End-of-Day-Trading bedeutet, dass der Trader seine Signale am Ende des Tages erhält, also während die Märkte geschlossen sind. Er kann sich also in Ruhe überlegen, ob er das Signal umsetzt oder nicht. Entscheidet er sich für die Umsetzung, dann hat er bis zur Markteröffnung genügend Zeit, die Order in seine Handelsplattform einzugeben. Oft kann der Einstieg hier mit einer Stop-Buy oder Stop-Sell Order erfolgen. Genauso in Ruhe kann der Trader dann noch seine Stop-Order zur Absicherung und/oder eine Ziel-Order platzieren, sofern seine Regel dies vorsieht. Fertig! Mehr muss er nicht machen. Sollte die Order ausgeführt werden, ist es nicht erforderlich, sich den Verlauf des Kurses während des Tages anzuschauen. Wozu auch? Die Zeit kann man dann doch besser nutzen. Erst nach dem die Märkte wieder geschlossen haben, muss evtl. mal eine Stop-Marke nachgezogen werden.

Soweit ein prinzipieller Vergleich zwischen Daytrading und End-of-Day-Trading.
Nun zurück zur eingangs angesprochenen Frage der Performance.

Vergleich der beiden Systeme anhand von Zahlen

Hier wird ein fairer Vergleich natürlich schon etwas schwieriger, weil der Erfolg eines Systems von so vielen Faktoren abhängt. Wir wollen es dennoch wagen und greifen auf ein möglichst einfaches Ausbruchssystem zurück, welches wir einmal auf Stundenbasis (Intraday) und einmal auf Tagesbasis (End-of-Day) umsetzen. Der Einstieg erfolgt nach einem Ausbruch über das Hoch der letzten beiden Kerzen. Hier zwei Beispiele.

Bsp. Einstiegssignale

Links das System auf Tagesbasis, rechts das System auf Stundenbasis.

Identische Einstiegssignale also. Auch beim Ausstieg wollen wir die Systeme möglichst vergleichbar halten. Daher bekommt jedes System einen nachlaufenden Stop (Trailling Stop) und ein Profit Ziel. Diese Werte wurden für jedes System optimiert.
Leider standen mir auf Stundenbasis für den Backtest nur begrenzte Daten zur Verfügung, was natürlich die Aussagefähigkeit des Systems ziemlich einschränkt. Für einen grundlegenden Vergleich soll (muss) das aber mal genügen.

Ein wenig Statistik

Zunächst ein Blick auf die wichtigsten Statistikwerte. Gehandelt wurde jeweils 1 CFD Kontrakt bei einer Startkontogröße von 5.000 €. Getestet wurde mit der Software WealthLab im Zeitraum März 2013 bis August 2014.

Wir sehen zunächst, dass beide Systeme am Ende mit einem schönen Gewinn aus dem Rennen gehen. Vergleicht man rein den Profit der Systeme, so schneidet das Intraday-System mit einer Rendite von 43,42 % etwas besser ab als das EOD-System mit 34,95 %. Immerhin ein Unterschied von ca. 9 %!

Performance ist nicht alles!

Sieht man sich allerdings die weiteren Kennzahlen des Systems an, so wird schnell deutlich, welchen Preis man für diese bessere Rendite zahlen muss.

Da wir Intraday handeln, gibt es natürlich auch deutlich mehr Einstiegssignale, was sich in der fast 5-fachen Tradeanzahl widerspiegelt (242/51). Und damit erhöhen sich auch im gleichen Maße die Tradinggebühren (483/101). Bezieht man die Gebühren noch auf den Gewinn, so wird die Auswirkung der Gebühren noch deutlicher. Während man beim Intraday-System stolze 22,2 % für Gebühren rechnen muss (483/2171), sind es beim EOD-System lediglich 5,8 %.

Bei der Trefferquote hat das EOD-System mit 58,8 % die Nase klar vorne im Vergleich zu 49,2 %. Gleichzeitig erwirtschaftet das EOD-System mit 103,97 € pro Trade einen wesentlich höheren durchschnittlich Profit als das Intraday-System, bei nahezu ähnlichen durchschnittlichen Verlusten, woraus auch der deutliche Unterschied beim Profitfaktor resultiert (1,39 / 2,27).

Ebenfalls sehr wichtig für die Psyche des Traders ist die Anzahl der aufeinanderfolgenden Verlusttrades. Auch hier kann das EOD-System eindeutig punkten. 2 Verlusttrades in Folge sind auf jeden Fall besser zu verkraften als 6. Auch beim abschließenden Blick auf den Drawdown geht der Punkt an das EOD-System.

Profitkurven und monatliche Gewinn- und Verlust-Verteilung

Zum Schluss vergleichen wir noch die beiden Profitkurven sowie die monatliche Gewinn/Verlust-Verteilung. Hier sieht man, dass auch ein Intraday-System mal einen oder sogar mehrere Monate keinen Gewinn abwirft, obwohl man viele Einstiegschancen nutzt. Im aktuellen Fall sind es sogar die letzten drei Monate, obwohl man der August ja noch im Plus enden kann.

Man sieht hieran aber auch, dass es extrem wichtig ist, dass man über einen möglichst langen Zeitraum mit unterschiedlichen Marktphasen testet, denn sonst bekommt man nur eine Momentaufnahme des Systems. Die hier untersuchten 17 Monate sind auf jeden Fall deutlich zu wenig. Hätte man einen anderen Zeitraum gewählt, so können die Ergebnisse schon wieder völlig anders aussehen. Für eine kleine Gegenüberstellung soll dieser Zeitraum wie schon geschrieben genügen und die Aussage des Ganzen wird damit recht klar.

Fazit

Unterm Strich ist durch die Gegenüberstellung der beiden Systeme deutlich geworden, dass ein ständiges Beobachten und Handeln der Märkte im Intraday-Bereich nicht immer die beste Wahl ist. Gerade Anfänger, aber nicht selten auch fortgeschrittene Trader, sind davon überzeugt, dass sie mehr aus den Märkten rausholen, wenn sie nur mehr Zeit zum Traden hätten. Man muss hier auch ganz klar sagen, dass man gleichzeitig auch mehr Geld verlieren kann, wenn man mehr Zeit zum Traden hat ;) Daran sollte man immer denken!

Weiterhin viel Erfolg!
Euer TS-Team (Sven)

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13.08.2014 | 55372 Aufrufe

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